Von Salt Lake 2002 nach Mailand 2026 – das neue Selbstverständnis unseres Hockeys
Der Anlass trägt die harmlos-bürokratische Bezeichnung «Disziplinentreff». Gemeint ist eine offizielle Interviewrunde knapp 48 Stunden vor dem ersten Spiel. Angesetzt im «House of Switzerland», einer diplomatischen Wohlfühloase im Herzen Mailands, eine gute Viertelstunde zu Fuss vom Dom entfernt. Geografisch wie symbolisch zwischen Pathos und Realität.
Roman Josi, Andrea Glauser und Nationaltrainer Patrick Fischer erscheinen pünktlich zur gepflegten Plauderstunde. Allein dieser Auftritt sagt bereits mehr als ein Dutzend PowerPoint-Folien zur Entwicklung des Schweizer Eishockeys seit Salt Lake City 2002.
Damals war der Coach der Star. Nationaltrainer Ralph Krueger, charismatischer Chefdenker und Autor eines Lebenshilfe-Bestsellers mit dem programmatischen Titel «Teamlife – durch Niederlagen zum Erfolg», verkörperte ein Hockeyverständnis, das Niederlagen nicht nur akzeptierte, sondern beinahe liebevoll umarmte. International definierte sich die Schweiz über einen professionell-romantischen Umgang mit dem Scheitern. Eine Einstellung, die sich erst im Nachgang von 2002 änderte. Ein einziger NHL-Spieler reiste damals an – Torhüter David Aebischer, frisch aus Denver eingeflogen und mit weniger als 50 NHL-Partien im Gepäck.
Die Spieler rezitierten brav die Weisheiten ihres Coaches, lobten das «olympische Erlebnis» und erinnerten in ihrer Ausstrahlung eher an ein wenig aufgeregte, brave Pfadfinder vor dem Sommerlager als an raue Hockey-Kerle. Captain war Mark Streit von den ZSC Lions. Noch drei Jahre von seinem NHL-Debüt entfernt.
Das erste Olympische Abenteuer seit 1988 wird kläglich schon in den Gruppenspielen enden. Trotz NHL-Titan David Aebischer im Tor. Allerdings sind die «Krueger-Boys» doch nicht ganz so brav wie es der Anschein macht: Reto von Arx und Marcel Jenni werden vorzeitig wegen Nachtschwärmerei ausgerechnet in der Stadt der Mormonen nach Hause geschickt. Ein schlauer Schachzug von Ralph Krueger – nun sind diese beiden Spieler die Sündenböcke und nicht mehr der Nationaltrainer. Von einer Olympischen Medaille oder einem WM-Final sind die Schweizer – noch – weiter entfernt als die «Bern Grizzlies» oder die «Winterthur Warriors» vom Gewinn der Super Bowl.
Nun plaudern also Roman Josi, Andrea Glauser und Patrick Fischer 24 Jahre später über das anstehende Olympische Turnier, das am Donnerstag mit der Partie gegen Frankreich beginnt. 2002 war ein schmähliches 3:3 gegen Frankreich im Startspiel bereits der Anfang vom Ende. Jetzt sind die Schweizer gegen diesen Gegner so himmelhohe Favoriten, dass die Frage gestellt wird, wie man denn mit dieser Favoritenrolle umgehe.
Roman Josi ist zum Captain des Teams ernannt worden. Der NHL Titan mit der Erfahrung aus mehr als 1000 NHL-Spielen teilt sein Zimmer mit Nino Niederreiter. In mehr als 1000 NHL-Partien hat auch er sich bewährt. Die Erfahrung aus über 2000 NHL-Begegnungen in einem Zimmer im olympischen Dorf.
Freundlich wie es seine Art ist, geht Roman Josi auf alle Fragen ein, ohne anzuecken. Ein Profi durch und durch. Dass er – anders als viele NHL-Stars anderer Teams – nicht im Hotel wohnt, sondern selbstverständlich mit seinen Spielkameraden im olympischen Dorf, erscheint ihm nicht als Tugend, sondern als Normalität. «Ich bin dort, wo die Mannschaft ist.»
Andrea Glauser ist einer der vier «Alternate Captains» (Assistenz-Captains). Die drei anderen sind die NHL-Stars Kevin Fiala, Nino Niederreiter und Nico Hischier. Glauser – mit dem gleichnamigen berühmten Krimi-Autor nicht verwandt – wird das Turnier an der Seite von Roman Josi beginnen. Ein Titan unserer heimischen Liga. Ruhig und selbstbewusst auch er und er wird zum ersten Mal auf dem kleinen, rund vier Meter schmäleren NHL-Eisfeld verteidigen. Er sei froh, dass ihm Roman Josi ein paar Tipps geben könne. Auf die Frage nach seinen Freizeitbeschäftigungen zwischen Training und Spiel erzählt er vom Pins-Tauschen im Olympischen Dorf. Ein besonders prächtiges Exemplar habe er von einem hohen philippinischen Funktionär erhalten.
Patrick Fischer absolviert die längste Interview-Tour. Deutsch, Französisch, Italienisch – für jeden Landessender die passende Sprache. Die zentrale Botschaft des Nationaltrainers: «Wir haben im Laufe der letzten Jahre unsere Identität gefunden.» Die Schweizer haben unter Patrick Fischer einen unverwechselbaren, eigenen Stil entwickelt. Basierend auf Tempo, Intensität, Forechecking und Disziplin. Er sagt, das kleinere NHL-Eisfeld komme diesem Stil eher entgegen.
Die Gelassenheit vor dem Turnier ist keine Pose, sondern Resultat einer gesunden Zuversicht. «Wir wissen, dass wir gegen jeden Gegner gewinnen können», sagt Patrick Fischer. Ein konkretes Rang-Ziel wird nicht formuliert. Wer sich seiner Stärke bewusst ist, denkt nicht an Medaillen, sondern an das nächste Spiel. Wie weit die Reise geht, wird sich zeigen. Sie ging seit 1948 (Bronze) an Olympischen Turnieren nie mehr über die Viertelfinals hinaus.
Anders als 2002 wird sie in jedem Fall über die Gruppenspiele hinaus weitergehen. Schon deshalb, weil der Modus ein ganz anderer ist: Nach den Gruppenspielen sind alle mindestens fürs Achtelfinale qualifiziert. Ein Skandal wie 2002 ist auch nicht zu befürchten. Weil es unter Patrick Fischer – anders als 2002 mit Ralph Krueger – noch nie eine befohlene Bettruhe gegeben hat.
